Maria2Zum ersten Mal wollte ich in einem Hostel übernachten. Schließlich nahm ich an der Digitalen Nomadenkonferenz DNX  teil und etliche digitale Nomaden schlafen, zumindest am Anfang ihrer Karriere, in Hostels und das in der ganzen Welt. Bei mir war es nur in Berlin. Ich würde in eine Welt eintauchen, die ich längst mit den
Ferienlagern meiner Kindheit verlassen hatte. Warum nicht? Ja, ich war neugierig und gespannt  wie bei einer Dachbodenbesichtigung. Doch als ich dann las, was ich gebucht hatte, war mir ein wenig blümerant zu Mute. Ich hatte es so gewollt, dann also gleich richtig. Lest welche Abenteuer ich im Hostel erlebte.

Ein Rollator im Hostel

Als ich die Tür zu meinem Achtbettzimmer öffnete, sah ich einen Grauschopf im Bett liegen. Neben dem Doppelstockbett stand zu meiner Verblüffung ein Rollator. Ehrlich, wer rechnet in einem Hostel und dann noch in einem Mehrbettzimmer mit einem Rollator? Die Person lag im unteren Bett. Wie hätte sie auch hoch klettern sollen?

An der Rezeption drückte man mir Bettwäsche in die Hände. Ich sollte mir ein freies Bett aussuchen und es beziehen. Also hielt ich Ausschau nach einem Bett ohne Bettwäsche. Die restlichen Betten waren dreistöckig. Und zum Glück war das  rechte Bett vor dem Fenster nicht bezogen, also  frei. So bezog ich möglichst leise mein Bett mit der Bettwäsche. Schließlich schlief da jemand, ob Männlein oder Weiblein, konnte ich nicht entdecken. Das Bettlaken über die Matratze zu bekommen, war nicht so einfach. Oben war das nächste Bett im Wege und das Laken war eindeutig zu kurz, aber so etwas kennt ihr sicher.

In der Nacht krochen noch einige Personen in ihre Betten. Mir gegenüber lagen Männer, einer unten, einer darüber und oben schlief eine junge Frau, die am Morgen mit zwei Jungs verschwand. Wir waren anscheinend eine internationale Truppe. Über dem Grauschopf schliefen dunkle Haare.

Als ich richtig aufwachte, sah ich eine grauhaarige Frau in ihrem Bett sitzen. Sie notierte mit Bleistift etwas in ein kleines Notizbuch, aus dem viele Zettel herausragten. Ich nickte ihr freundlich zu, als ich zur Toilette und zum Waschen ging. Wie hatte sie nur den großen Rollkoffer und gleichzeitig den Rollator bis zu diesem Hostel geschoben? Sie war vielleicht sogar schon über 80 Jahre alt?
Fragen konnte ich nicht, denn es schliefen  noch einige.
Leise schloss ich mein geliehenes Vorhängeschloss auf,  zerrte meinen kleinen Rucksack aus dem schmalen Metallspind, winkte ihr zu und verschwand.

Als ich am Abend voller Ideen recht spät von meiner anregenden und intensiven Konferenz kam, traf ich die Frau mit Rollator im Waschraum.
„Übernachten sie öfter in Hostels?“, fragte ich neugierig.
„Gott hat mir den Auftrag zu Reisen und zum Erzählen gegeben.“, antwortete sie. Verblüfft schaute ich sie an. Wie konnte Gott von so einer alten Frau verlangen, wie ein Wegelagerer herum zu wandern und dann noch mit Rollator? Kam der Auftrag wirklich von Gott?  Sicher war ich mir nicht.
Sie meinte, sie wolle es so und bekäme die Kraft dafür von ihm.  Ihr Sohn würde ja mit ihr reisen und ihr helfen.

Also altersgerecht eingerichtet war es hier keineswegs! Die Duschen, bzw. der Vorraum  hatten keinerlei Sitzmöglichkeiten. Selbst ich stand beim An-und Ausziehen wackelig auf einem Bein und versuchte die Strümpfe und die Hose trocken aus- oder anzuziehen. Die Klos waren eng. Im Zimmer stand zwar ein  winziger niedriger Tisch, aber kein einziger Stuhl. Die zwei Deckenlampen waren Funzeln. Am Eingang des Hostels  gab es Treppen. Gut, da hatte wohl ihr Sohn geholfen.

Träume

Als ich ihren Sohn sah, nannte ich sie für mich ‚Jesus und Maria‘. Jesus war dunkelhaarig und  sein Gesicht etwas  zugewachsen. Maria erzählte, sie seien  auf dem Weg nach Jerusalem.
„Wir sind jetzt  Juden, haben dafür aber keine Papiere und dürfen so nicht nach  Israel einreisen.“ Sie hatten es schon versucht und waren abgewiesen worden.  Ursprünglich kamen Maria und Jesus von der Krim. Bereits seit zwei Jahren waren sie nun auf dem Weg, auf der Reise nach Jerusalem.

„Gott spricht mit mir. Ich schreibe alles auf.“, sagte sie stolz. Maria zeigte auf einen prallen Beutel am Rollator.

Ich fragte Maria nach ihrem Alter. „Ich bin 79 Jahre alt.“, antwortete sie freundlich.
Wie lange würde sie die Strapazen noch bewältigen? Eine feste Wohnung wollte sie nicht, da sie sich dann an Kündigungsfristen halten müssten, vielleicht würde es ganz schnell gehen und sie dürften doch nach Israel einreisen. Außerdem wäre eine Kaution fällig. Ich sprach von einer Sozialwohnung. Doch Maria sagte, sie seien abgewiesen worden, da sie nicht aus dem Ort waren, wo sie es versucht hatten. Sie wollte lieber so weiter leben, bis sie es geschafft hatten.

Nächtliche Überraschung 1

Die Nacht war noch unruhiger, als die erste. Das lag nicht an Maria und Jesus. Es reiste auch keiner ab. Aber plötzlich standen zwei junge Männer neben meinem Bett und tuschelten. Sie versuchten beide in das Bett über mir zu klettern. Darüber im Bett lag wohl noch einer, wie es schien. Sie amüsierten sich köstlich, dennoch relativ leise. Ganz nüchtern schienen sie nicht zu sein. Ich überlegte, was ich tun sollte, wenn sie in mein Bett steigen würden. Einer von ihnen verzog sich bald auf das Fensterbrett. Erst dachte ich, er wollte heraus klettern. Nun gut, wir waren im Erdgeschoss. Sollte er ruhig. Das gab es in den Ferienlagern meiner Kindheit auch und sicher nicht nur das. Leider stieg er nicht aus dem Fenster, verschwand also nicht. Er blieb hocken. Mir war nicht so recht klar, was sie eigentlich vorhatten.

Maria schien währenddessen friedlich zu schlafen. Jesus hob immer wieder seinen bärtigen Kopf, sagte aber nichts. Mir gegenüber lag ein entsetzter Südländer. Er hatte Angst. Ich sah es ihm an. Als mir die ganze Situation zu bunt und unsicher wurde, schimpfte ich: „Also jetzt reicht es aber!“ Zu meiner Verblüffung marschierten zwei der jungen Männer hintereinander ohne Worte aus dem Zimmer. Der andere blieb ganz oben über mir und war ruhig.

Nicht nur Jesus konnte nicht gleich einschlafen, d.h. bevor wir es taten, kam einer der beiden Männer erneut ins Zimmer. Er  setzte sich wieder auf’s Fensterbrett hinter mein Bett. Das konnte heiter werden!
Doch als Jesus herab kletterte und aus der Tür ging, ahnte ich, wohin er wollte, sicher zur Rezeption. Der Typ am Fenster lief alsbald  hinterher, aber bestimmt wo anders hin. Schon kam Jesus mit der jungen Frau vom Empfang ins Zimmer.

Gegenüber aus dem Bett sprach es entsetzt: “Geht nicht, geht nicht!“ Schlaftrunken beschrieb ich die vergangene Situation, um Jesus zu unterstützen. Ich  war mir nicht sicher, ob sie ihm glaubte. Bald danach klopfte es und der Sicherheitsdienst kam mit ihr noch einmal hinein. Wieder schilderten wir müde den nächtlichen Besuch.

Maria schlief weiter. Der im obersten Bett über mir, stellte sich schlafend, als sie von ihm Auskunft verlangten. Denn sobald wieder Ruhe in unserem Zimmer herrschte, kletterte er von oben herab und  verließ uns auf Nimmerwiedersehen.

Über mir die zwei Betten blieben diese Nacht danach endlich leer. Doch wir waren noch länger innerlich aufgewühlt. Die Ruhestörer müssen uns so gegen 2.00 oder 3.00 Uhr früh besucht haben.

Nach einigen Stunden Schlaf, schlich ich mich am Morgen leise hinaus, um keinen aufzuwecken. Auf zum DNX Kongress, um dort die Müdigkeit zu vergessen.
Natürlich erzählte ich einigen von der Frau mit dem Rollator im Hostel, von der Frau, die ich Maria genannt hatte. Ich dachte mit Entsetzen daran, wie es Maria gehen würde, wenn sie noch ein wenig hinfälliger wäre. Wie glücklich war meine Mutter über ihr zu Hause, über ihre Blumen, die gewohnte Umgebung, die Nachbarn. Maria hatte nichts davon. Sie hatte nicht einmal einen Schrank für den grossen Koffer. Doch sie hat Jesus, der eigentlich mit  W anfängt und Gott.

Auch nach meinen Vorschlägen und Versuchen, ihnen irgendwie zu helfen, blieben sie bei ihrem Plan. Es gab nur den Weg nach Jerusalem. Doch Maria wirkte ein wenig nachdenklich. Solltet ihr sie treffen, grüßt Sie von mir. Vielleicht steht euer Stall gerade leer und ihr könnt Ihr den Weg erleichtern.

Nächtliche Überraschung 2

Ach ja, den dritten Abend war mein Bett nicht mehr mein Bett.
Ohne Gruß marschierte am Vormittag eine junge Frau an Maria und Jesus  vorbei, zog mein Bett ab und richtete es sich darin häuslich ein. Auch ich war meine letzte Nacht heimatlos. Nur gut, dass ich gleich nach der interessanten Radtour Berlin on Bike, gebucht von der DNX, ins Hostel fuhr. Nun diese Überraschung!

Ein Bettlaken spannte als Sichtschutz vor dem Eingang der Koje. Das Kopfkissen lag anders herum, darunter funkelten 5 Cent, die keineswegs von mir stammten. Angenommen, ich wäre erst um Mitternacht in mein Zimmer gekommen, wie wäre es mir dann ergangen? Ich hätte mich  ins Bett gelegt und dort jemanden vorgefunden und  ich hätte diese Person aufgeschreckt. Die Szene vor Augen musste ich schmunzeln.

Na, ich wollte ja etwas erleben. Jesus schob es auf böse Geister. Ich tröstete ihn. Wenn, dann wollten sie zu mir. Schliesslich waren erst zwei über mir im Bett und nun eine in meinem Bett! Aber das ließ ich mir nicht gefallen! Mit mir nicht! Kein Geist oder noch so unüberlegter, übermütiger, oder egoistischer Mensch sollte mich heimatlos machen. Da waren genug Betten ohne Bettwäsche. Wieso hatte sie gerade mein Bett erobert? Ade mein Bett, denn das konnte ich wohl vergessen. Sonst würde vielleicht doch noch jemand nachts zu mir steigen, denn sie würde ja denken, es wäre ihr Bett.Hostel
Angeblich hätte gar keiner neu ins Zimmer eingecheckt, hieß es an der Rezeption. Dort war ich hin marschiert und forderte eine Klärung. Ich musste schon etwas energischer werden. Es wären nur die alte Frau und ihr Sohn im Zimmer und ich. „Schauen sie sich doch den offenen Koffer hinter meinem Bett an. Kommen sie einfach mit! Der ist von einer jungen Frau!“, forderte ich den Mann auf.

Endlich glaubte er mir. Schließlich sollte ich in ein leeres Achtbettzimmer umziehen. Angeblich würde niemand meine Nachtruhe stören. Hundertprozentig! Ich sagte: „Man soll nie nie sagen.“

Zum Abschied quasselte ich noch etwas mit Jesus und Maria. Sie wirkten beide keineswegs verwirrt, wenn sie auch einen mir unverständlichen Weg eingeschlagen hatten. Zumindest  besaß Maria eine Krankenversicherung. Wie dieses Leben bei ihnen vor zwei Jahren begann, weiß ich nicht. Maria erzählte nur von einem Traum. Und sie sollte auf Jesus, der eigentlich  W hieß aufpassen. So passen sie wohl gegenseitig auf sich auf.
Ich wünsche Maria, dass sie irgendwo ankommt, bevor sie aufgeben muss.
Und ehrlich, ein gemischtes Mehrbettzimmer in einem Hostel muss es beim nächsten Mal nicht sein. Das war auch nicht meine Absicht. Aber ich wollte etwas erleben und so nahm ich es mit Humor, meistens jedenfalls.

Übrigens in der Nacht klickte es an meiner Tür zu meinem leeren Achtbettzimmer. Sie sprang auf! Ich hechtete aus dem Bett und schloss schnell die Tür. Als es zum zweiten Mal passierte, stand eine Frau dazwischen und drückte mit Koffer herein. Auf meinen genervten Satz: „Was ist das denn hier?“, erwiderte sie lapidar, aber schlagfertig: “ Ein Hostel.“

Wie sich heraus stellte, war es die besagte junge Frau, die geradewegs aus meinem früheren Bett kam. Es war die Frau, die  grußlos an Jesus und Maria vorbei marschierte und grimmig schaute. Angeblich hätte Maria geschnarcht und Jesus gefiel ihr sowieso nicht, Grund genug, um 2.oo Uhr nachts meine Isolation aufzuheben. Nun bezog sie wieder ein Bett, doch da ich in meinem lag, bezog sie ein anderes.
Das hatte sie nun davon, in wenigen Stunden, genau 6.oo Uhr würde mein Wecker klingeln und draußen schlug immer wieder die Klotür. Diesmal war es kein Eckzimmer, sondern eines am Gang. Hier war es bedeutend lauter.  Erstaunlicherweise schlief ich dann doch.
Ach ja, am Morgen sagte ich dem jungen Mädchen an der Rezeption, dass Maria und Jesus bei mir keineswegs geschnarcht hätten und sehr nette, ruhige Zimmernachbarn waren, nur dass sie eben andere Ziele hätten. Das waren meine kleinen Hostel Abenteuer. Es kommt immer auf die Sichtweise an.

Nun braucht ihr nicht gleich zu  kommentieren, die hatten doch einen Vogel. Ich mache auch oft einen Bogen um Leute, die irgendwie anders sind. Doch über Maria wollte ich mehr wissen, also fragte ich.
Fragt anderen Menschen Löcher in den Bauch. Es macht Spaß.

Welche Erlebnisse, Hostel Abenteuer hattet ihr? Schreibt es mir. Ich muss ja nicht alles selbst erleben.
Ach und wenn euch die DNX  interessiert, dann schaut hier: DNX.  Dort trefft ihr beeindruckende Frauen, klar auch Männer. Vielleicht werde ich noch über einige berichten, Frauen meine ich, denn FRAUEN-ECK ist ein Frauen-Blog. Wieso Maria die erste Frau auf diesem Blog ist, von der ich erzähle, weiß ich nicht. Sie war einfach da.

Und haben wir uns  vielleicht auf der digitalen Nomadenkonferenz  DNX gesehen?

Als ich das schrieb, pfiff mir der  Wind  um die Ohren. Und dennoch hörte ich es nur und fühlte es nicht, denn ich saß  im Fernbus, im Megabus, einem Doppeldeckerbus ganz vorn oben. So schaukelte ich meinem zu Hause entgegen und meinem eigenen  Bett.

Und da ich bald wieder ausgeschlafen bin, freue ich mich über nette Kommentare und eure Berichte. Frauen-Eck ist ein Treffpunkt, also macht mit. Keine Angst vor komischen Geschichten.

Wer mehr über digitale Nomaden und die DNX lesen will und was das mit einem Wohnmobil zu tun hat, folgt einem Beitrag auf dem Blog mb100ontour.com.

 

Buchtipp:

Wo bitte geht’s hier um die Welt? 8 Jahre Abenteuer und Reisen einer Fremdsprachenlehrerin von Nina Buschmann